Der falsche Planet.

(editierter Repost)

Bullshitbingo: …dafür kannst du doch toll rechnen, kreativ sein, schreiben, basteln, Sport machen, Schach spielen, musizieren….Kopf hoch! jeder hat doch Stärken und Schwächen, nicht jeder kann alles gleich gut. Stärken stärken…

Wisst ihr was? FICKT EUCH. Diese gutmeindenden Vergleiche sind ein toxisches Problem, und dafür muss man noch nicht einmal behindert sein: Denn sie setzen Wertigkeit mit Leistungsfähigkeit in ein Verhältnis.

Es ist kein Trost, sondern spiegelt nur das menschenverachtende Denkmuster dieser Leistungsgesellschaft. Und sie zeigen, daß derjenige, der meint so „trösten“ zu können, dieses Muster so sehr verinnerlicht hat, daß er garnicht merkt, wie abwertend und ignorant das ist.

Denn wenn ich als Autistin daran verzweifele, nie zu checken, wann ich verarscht werde, wenn ich daran scheitere, Menschen zu verstehen und sozial angemessen nach komplett unlogischen und aus meiner Sicht bizarren Regeln mitzuspielen….wenn ich im Grunde nie frei ichselbst sein kann, wenn Leute meine Freude an Wortwitzen irritiert, wenn ich gestresst in Schleifen gerate, und 3x hintereinander dasselbe sage, wenn ich immer Aufpassen muss, nicht als „Defizitär“ oder „Strange“ aufzufallen, um nicht ausgegrenzt zu werden…

Wenn ich den Eindruck bekomme, daß ich es allenfalls noch erwarten kann, trotz enormer Anstrengung mitleidig wohlwollend als „Quotenpsycho“ nur um der Toleranz willen toleriert zu werden, anstatt Respekt zu erfahren.

Daß oft Gespräche doch so schnell es geht, freundlichgedingst beendet werden -und ich es garnicht mehr versuche, nach privaten Treffen in für mich leichter zu bewältigendem Rahmen zu fragen, weil ich die Antwort doch schon längst kenne.

Wenn ich mich ärgere, mich vor einem zuviel an Input wieder auf das Senden in einem „meiner“ Themen geflüchtet zu haben.

Wenn ich mich im Supermarkt an meinen Einkaufszettel klammere, um nicht völlig die Orientierung zu verlieren und dennoch 15 Runden drehen muss, bis ich alles beisammen habe.

Wenn ich miterleben muss, wie mein Sohn darunter leidet, seine Steuerungsfähigkeit zu verlieren, wenn er in Rage gerät, und hilflos mitansehen muss wie „Pädagogen“ das Störungsbild auf ein Autoritätsproblem reduzieren.

Wenn ich zwei Jahre um eine Schulbegleitung für ihn mit dem Jugendamt kämpfen muss (er ging zwei Jahre nicht zur Schule)

Wenn ich sehen muss, wieviel Angst er vor anderen Jugendlichen hat.

Wenn ich zwei Jahre lang mit der Kinderpsychologin meiner Tochter darum kämpfe, daß sie endlich eine vernünftige Diagnostik durchführt, anstatt pauschal auf Jugenddepression zu „behandeln“, uns in eine Klinik überweisst, die ausdrücklich nicht für Autisten geeignet ist, und erst nach 11 Monaten Wartezeit einen Platz hat.

Wenn ich mir drohen lassen muss, weil ich sie nach 10 Tagen dort wieder „eigenmächtig“ abhole (1500km Fahrt) und auf eine anständige Diagnostik dränge, und diese nach NOCH einem Jahr Wartezeit, Asperger und ADHS wie bei meinem Sohn ergibt…

Wenn mir klar wird, daß ich meinen beiden Kindern diesen Mist mitgegeben habe, der ihr ganzes Leben beinträchtigen wird….

….dann ist das Allerletzte, woran ich denke, unser angeblich tolles technisches Verständnis, oder der hohe IQ….. welche das in irgendeiner mir unbekannten und auch sehr gleichgültigen Dimension angeblich wieder „wett“ zu machen vermögen.

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