Trigger

-editierter Repost-

Ein freundlicher Mensch den ich sehr mag, spricht zu mir, macht aus Spass „den bösen Mann“ gespielter Ärger und er sagt irgendwas, und obwohl ich doch genau weiß, das es nur Spass ist, verstehe ich da die Worte schon nicht mehr.  Die Amygdala reagiert nunmal ohne jegliche Vernunft und tut, was sie am besten kann – Chaos und Schrecken verbreiten. *

Irgendwo zwischen Stirn und Nacken, kann ich mir dann durch ein winzigkleines Wahrnehmungsfenster dabei zusehen, wie ich mich wegducke, und weil ein solcher Kontrollverlust schon alleine nicht mies genug ist, darf ich mir diesen Scheiss auch noch in Zeitlupe angucken. Danke Gehirn, danke an alle Arschlöcher, die diesen dämlichen Autopiloten mit seinem ätzenden Filmen in mich hineingeprügelt haben.

Verstehen aus, Hören aus, Sehen aus, Sprechen aus, ich spüre stattdessen, verschachtelt und fragmentiert wie ich auf den Boden schlage, Teppich kratzt an meiner Wange, es riecht nach Schnaps und Urin…gleich..gleich… obwohl ich noch mitten im Konzertraum stehe. Einrollen und einfrieren, den Einschlag abwarten, Sinne ausschalten, Notprogramm, erstarren in Panik, wenige Sekunden voller Brutalität. Für den Unaufmerksamen vermutlich kaum zu bemerken.

Ich hasse, was ein Teil von mir geworden ist und mich situativ wieder und wieder so verdammt  machtlos macht. Es war ein sehr harter und sehr langer einsamer Weg, bis ich einsehen musste, daß alle Rationalität und „Stärke“ der Welt garnichts dagegen ausrichten können. Daß ich 20 Jahre lang völlig vergebens darum gekämpft habe „stärker“ als das zu sein, daß ich mich völlig zu unrecht dafür geschämt habe, „so“ zu sein.

Die Amygdala ist nämlich der Sprache und dem Denken garnicht zugänglich. Ich bin in mir selbst- mir selbst und den Tätern wieder und wieder ausgeliefert.

Mein größter Feind bin immernoch ich selbst, und ich weiß es viel zu gut.

Irgendwie ein Arm und ein Kuss auf den Nacken, irgendwas wird gesagt, ich will unbedingt antworten, doch in dem Zustand habe ich keine Worte, kann mich kaum bewegen.

Ich schüttele mich ganz leicht, die einzige Möglichkeit, in meinem Minifenster, mich nach draussen mitzuteilen, durch die Kontaktaufnahme und die Bewegung geht es so schnell wie es kam, eine Handlungsoption gegen dies Gefühl alter Ohnmacht. Vielleicht war es nur Glück, oder Instinkt, daß er den Nacken wählte, denn das ist einer der wenigen „Ausgänge“ zurück an die Oberfläche. Was danach geschah, ist dennoch weg. Die Zwischenphasen bis ich wieder „ganz“ bin sind auch scheisse, Watteberg und Autopilot, den Schein wahren, funktionieren, Mimikri.

Zuvor sagte er mir in einem Gespräch -und er meinte es wirklich lieb- das Niemand hier was blödes denken würde, wenn ich vorbeikomme. Das wäre doch alles nur in meinem Kopf.

Ich wünschte so sehr, er hätte mit diesem „nur“ recht. Aber so einfach ist es leider nicht, ich weiß das doch! Es ist leider keine Sorge, oder ein Gedanke, oder eine bewusste oder unbewusste Angst, oder „nur“ eine blöde Erinnerung, oder „nur“ irrationale Unsicherheit oder „nur“ mangelndes Vertrauen oder gar „nur“ mangelndes Selbstbewusstsein.

Das ist es nicht, und das ist es auch nie gewesen, es ist das uralte Echo einer Toten, die nicht ganz an dem gestorben ist, was sie nicht mehr „erleben“ konnte um es zu verarbeiten.

Der Grund für diesen Blog steckt genau in diesem „nur“, man könnte ja, man müsste nur und dann wäre man wieder normal, gesund, geheilt… und dann gäbe es ja nur einen Grund, trotzdem so zu sein, Attentionseeking, Krankheitsgewinn, selbst verschuldet, Opferrolle. Aber es gibt dieses „nur“ nicht, es ist keine Frage des Wollens oder Denkens -bewusst wie unbewusst, der „Wille“ ist in diesen Momenten einen Scheissdreck wert. Physiologischer Kontrollverlust. Mechanismen millionen Jahre älter als das Bewusstsein.

Und bis jetzt hatte ich Glück…aber was ist, wenn ich einfriere und sabbernd zusammensacke, weil jemand fataler Weise aber gutmeinenend „falsch“ reagiert ? Was ist, wenn es mich „wegen nix“ vollständig in die Hölle katapultiert ? Wie kommuniziere ich, daß der vorletzte Täter „vom Fach“ war und diese Mechanismen gezielt eingesetzt hat, um mich zu brechen, wie er mich wieder und wieder aus der Entrücktheit zurückholte, nur um mich weiter zu quälen, bis ich mich selbst aufgab ? Blickkontakt herstellen wäre z.B. absolut fatal, wird aber oft empfohlen. Wie viel Outing ist nötig, um „sicher“ zu sein?

Versteht jemand, was diese Form von Kontrollverlust bedeutet ? Es ist in meinem Kopf, ja. Aber da ist kein „nur“. Ich weiß doch, daß es nicht wahr ist, verdammt nochmal ich weiß das doch viel zu gut, und ich schäme mich, es ist nicht wahr, aber es ist echt. Das ist der einzig „blöde“ Gedanke, der mich quält, daß wieder! niemand versteht, was da passiert.

Und manchmal wünschte ich, man würde mir einfach aufs Maul hauen, dann bräuchte ich mich wenigstens nicht mehr für etwas zu schämen, das ich nicht verhindern und kaum jemand verstehen kann – dann wäre diese Schere aus Wissen und Fühlen nicht mehr da, dann wäre ich wenigstens einmal wieder ganz.

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*Betrachtet man das Gehirn sind vor allem zwei Strukturen beteiligt, die Amygdala und der Hippocampus. Die Amygdala oder auch Mandelkern ist für das Erkennen von Gefahren zuständig, für Angst und Fluchtreaktionen usw. dh. sie erzeugt reflexhaft die entsprechenden Gefühle und körperlichen Reaktionen bei bestimmten Situationen, sie ist der Sprache oder dem Bewusstsein nicht zugänglich. Der Hippocampus hingegen ist zum Teil für das Bewusstsein und die Zuordnung von Sinneseindrücken zu einem Kontext ( Zeitbezug etc.) zuständig, bevor die Erlebnisse in das Langzeitgedächtnis Episodenhaft „geschrieben“ werden, der Hippocampus ist sozusagen die Schaltzentrale für die Entstehung von Erinnerungen.

Bei einer Traumatisierung flutet die Amygdala den Körper und das Gehirn mit sovielen Stresshormonen, daß die Verbindung zwischen Amygdala und Hippocampus gestört bzw. vollständig gekappt wird. Das nennt sich Dissoziation.

Sinneseindrücke die während dieser Phase erlebt werden, können so nicht durch den Hippocampus zugeordnet versprachlicht und in das Langzeitgedächtnis überführt werden.

So entstehen Amnesien (Teil oder Total) und die betreffenden Eindrücke werden fragmentiert fehlgespeichert und durch Trigger mangels assoziertem Zeitbezug in „Echtzeit“ wiedererlebt. Man fürchtet sich also nicht davor, z.B. von einer bestimmten Person im Jetzt geschlagen zu werden, sondern fühlt sich plötzlich genauso, wie man sich fühlte, als man Schläge erwartet hat und/oder geschlagen wurde. Sofern man wieder dissoziiert (was sehr wahrscheinlich ist) kann das Sprachvermögen zum Erliegen kommen (Worte verstehen und Worte sprechen, Denken – Blackout), und oder auch das Körpergefühl verschwinden, die Umgebung kann urplötzlich irreal erscheinen usw.

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