Das Märchen von der Stärke

-editierter repost-

In einigen Tagen heisst es wieder : One Billion Rising, und es wird viel geschrieben werden, über Opfer und über Täter, doch ich möchte über jene schreiben, die glauben, damit nichts zu tun zu haben und genau dadurch mehr damit zu tun haben, als ihnen lieb sein kann.

Sekundäre Viktimisierung, Rape Culture, toxische Männlichkeit, oder auch das Klima, indem Schweigen und stillhalten leider oftmals die sicherere Alternative ist, um nicht vom Regen in die Traufe zu geraten. Jenes toxische Klima, in welchem Täter im „Zweifelsfall“ eher geschützt und Opfer isoliert werden.

Ein gesellschaftliches Klima, in dem es für jeden! gefährlich ist, für schwach gehalten zu werden.

Schwache Menschen, so hören und glauben wir sind: willenlos, tragen keine Verantwortung für ihr Leben, sind wehrlos, harmonie oder streitsüchtig, inkompetent, naiv, faul, feige, abhängig, gierig, manipulativ, theatralisch, überemotional, irrational, hysterisch, unehrlich, verlogen, hinterfotzig und berechnend. „Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben, nicht geliebt werden. Dem fehlt es an Selbstbewusstsein, kann sich nicht behaupten, versagt. Ist Defizitär, nicht liebenswert. DU OPFER! Ist nicht ohne Grund ein Schimpfwort.

Von „starken Menschen“ würde man sowas jedoch nie annehmen, weil sie es ja garnicht „nötig“ hätten, „so“ zu sein. Wir wurden gelehrt, „starke Menschen“ zu verehren, hartnäckig hält sich der Mythos vom tugendhaften, willensstarken Helden, der allenfalls von einem schwachen und hässlichen Bösewicht durch Arglist beschädigt werden kann, wir sind gradezu süchtig nach diesem Märchen von „Stärke“, oder der Mähr vom „hässlichen Entlein“ daß verlacht und gequält wird und in der Einsamkeit fast erfriert und dann eben doch ein starker schöner Schwan wird.

Nicht auszudenken, wenn das Entlein eben doch „nur“ ein hässliches Entlein geblieben wäre…. Bäh. Kein Happy end.

Bis vor wenigen Jahren, war es auch hier durchaus flächendeckend üblich, jene negativen Attribute die man mit „Schwach“ verbindet auf Frauen in allgemeinen pauschal anzuwenden, und damit Bevormundung, Ausgrenzung und Übergriffe zu legitimieren und zu rechtfertigen. Das „schwache Geschlecht“ bedurfte nunmal aufgrund seines defizitären Wesens jener respektlosen und übergriffigen Behandlung.

Aktuell werden diese Vorurteile ja auch seit einigen Jahren von „interessierten Kreisen“ leider sehr erfolgreich in der „Flüchtlingsdebatte“ geschürt: Vom gesunden, aufrechten, schönen „Volkskörper“ und dem moralisch kranken, minderwertigen, verlogenen, gierigen und faulem Abschaum, der Elend nur vortäuscht, um die Hilfsbereitschaft von schwachen und naiven Träumern auszunutzen, und sich mit unehrlichen Mitteln Zuwendungen zu erschleichen… Eindringlinge, die sich insgeheim über das „starke“ Volk ermächtigen wollen, und so „unverschämter Weise“ den zugewiesenen Status des dankbaren schwachen Bittstellers zu überwinden, der wenn er denn „echt“ wäre bitteschön alles hinzunehmen hätte…weil…

Das ist auf so vielen Ebenen Bullshit, daß ich es kaum fassen kann, daß soviele daran glauben und garnicht merken, wie Menschenverachtend und verlogen das ist.

„Starke Menschen“ sind Retter, niemals Täter und auch niemals Opfer.

Jeder will anscheinend einer dieser schönen, tollen, tüchtigen, gesunden, erfolgreichen und bewunderten und begehrenswerten (über)Menschen sein, jemand, der sich selbstverwirklichen und perfektionieren kann. Ein guter Mensch sein, moralisch erhaben, ein selbstoptimiertes Vorbild und Inspiration für andere, die noch nicht „so weit“ gekommen sind. Ein maximal positiv denkendes Postkartenmotiv inklusive schwachsinnigem Motivationsspruch. Jung, schön, gesund, motiviert, selbstbewusst bis zur Unkenntlichkeit, und makellos. Und vor allem eines: Überlegen. Wir haben alle Chancen lügt es uns vor, vom Tellerwäscher zum Millionär, man muss es doch nur wollen, und eben bereit sein, Opfer zu bringen, aus der Komfortzone und dem Jammertal der Mittelmäßigkeit herauszutreten. Wer dazu nicht bereit ist, darf sich nicht beklagen, nimm dein Leben in die Hand, denke Positv und reiss dich einfach mal zusammen, dann kannst du alles erreichen, du musst es nur wollen.

Eine Ideologie der „Gewinner“ um die „Verlierer“ zu entsolidarisieren und sie klein zu halten. Herrschaft beginnt im Kopf. Abartig toxische Menschheit im Leistungswahn.

(Bild: Screenshot Google Bildersuche)

Was glauben wir über „schwache Menschen“ und was wird über diesen Glauben an Übergriffen gerechtfertigt und wie werden Opfer dadurch danach zum Schweigen gebracht ?

Wer den Stempel „schwach“ bekommen hat, ist halt raus, der wird wohl allenfalls auf Mitleid spekulieren, daß er vielleicht Respekt erwarten könnte, passt garnicht in das überhebliche Weltbild, das ist sogar schier unvorstellbar – und grundfalsch.

„Niemand hat dich doch dazu gezwungen, bei ihm zu bleiben.“

Es passiert fast allen betroffenen Frauen, sobald sie sich mit ihren Erlebnissen und Schwierigkeiten und Traumafolgen Menschen ohne fundiertem Hintergrundwissen öffnen. Diese Abwertung und Schuldumkehr ist Teil dessen, was man sekundäre Viktimisierung nennt, und basiert nicht zuletzt auf eben jenen Stereotypen, die vorgeben zu definieren, wie oder was ein „Opfer“ zu sein hat, in erster Linie nämlich „schwach“ und mit all den damit assozierten negativen, z.T. eben schuldhaften Eigenschaften…scheinbar „logisch“ das die meisten eben mehrfach Opfer werden, denn irgendwas müssen sie ja „falsch“ machen.

Einem selbst würde das ja nie passieren, eine beruhigende Idee, nicht wahr ?

Opfer müssen doch auch „schwach“ sein, also ganz unten in der Hirarchie.

Und eigentlich …wenn jemand sich „nicht richtig wehrt“, dann ist er es ja, der selbst Schuld ist, der ist ja kein „unschuldiges, echtes Opfer“ und „so richtig“ Täter ist auch nicht der, der dann zu weit geht, denn sie/er hat es ja auch mit sich machen lassen…“.. hat sich halt rumgekriegen lassen…und rächt sich jetzt, obwohl sie ja nicht hätte mitmachen müssen“ „Hat sich damit sicher Vorteile verschaffen wollen…““Was vorgespielt“, „War abhängig/hörig/naiv/verknallt“ (sic)

Und dann ständig dieses Gejammer“, „Aufmerksamkeit!“, „passiv“, „Opferrolle“, „Eigenerantwortung“,“Selbstmitleid“…usw usw. Jede(r) Betroffene hat vermutlich eine längere Liste mit solchem Schwach-sinn als mit wertschätzenden und respektvollen Aussagen….weil… sie zum Opfer gemacht wurden und es gewagt haben, ihr Schweigen zu brechen. (Und verdammt JA , für viele Betroffene sind Dinge, die anderen leicht fallen, unglaublich schwer und sie Leisten so verdammt viel mehr, als sich diese Richter und Richterinnen auch nur ansatzweise vorzustellen vermögen.)

Ausser bei dieser NachtsimParkhintermBusch Sache, das ist ja dann eindeutig genug, um es als Gewalt gelten lassen zu können, und dem Opfer gönnerhaft ein wenig „Mitleid“ zuzusprechen… und den Täter genussvoll mit ausschweifenden Gewaltphantasien bis zum Foltertod zu bedenken——Obwohl…warum geht sie auch Nachts durch den Park, man weiß doch, daß… …wieviel hatte sie eigentlich getrunken, hatte sie den Mann vorher vielleicht gesehen, was hatte sie eigentlich an ? usw.
Und Schwupps → Unabhängig vom Grad der Beknacktheit der Fragen läuft im Hintergrund bereits wieder dasselbe anmaßende Kackschema ab: Das Definitionsmonopol über das Geschehen liegt plötzlich beim selbsternannten Stärkeren (Retter), der sich anmaßt, das Recht -oder je nach Grad der Identifikation mit dem Täter – sogar die Pflicht -zu haben, Aufgrund von Klischees und Vorurteilen nach „Fakten“ zu verlangen um „angemessen“ über Schuld und Unschuld und Glaubwürdigkeit urteilen zu dürfen bzw. zu müssen, um den Täter (und sich selbst) vor wohlmöglich ungerechtfertigten Anklagen zu schützen. Denn wenn ausgerechnet jemand so „schwaches“ „soviel“ Macht beansprucht ist das für viele vor allem eins -bedrohlich (WTF)

Und wenn das Opfer diese Macht nicht sofort dankbar und widerstandslos an den „Retter/Rächer/Heiler“ abtritt, dann ist das eh schwer verdächtig, weil es nicht ins Rollenbild passt.

Man hätte so gerne beruhigend „echte“ eindeutige Täter, denn sich von denen zu distanzieren und diese dann besonders abgrundtief zu hassen, ist viel einfacher fühlt sich und sieht auch viel besser aus, als sich wohlmöglich mit dem eigenen Verhalten und Denkmustern eben in jener vermeindlichen Grauzone beschäftigen zu müssen, mit denen man sich selbst schonmal aktiv dazu entscheiden hat, die Grenzen und Erfahrungen eines anderen Menschen nicht zu respektieren und in Frage zu stellen, weil er einem ja nur hysterisch, dramatisch, überemotional, manipulativ, theatralisch, oder gar unehrlich erscheint.

Wem steht Jemand wohl tendenziell näher, wenn er sich das Recht zuspricht, die Grenzen anderer Menschen beurteilen zu dürfen und somit mindestens gedanklich zu überschreiten ?

ups.

Als vermeindlicher „wahrer Retter“ „echt ohnmächtiger Opfer“ kann Mann sich jedoch leicht und sicher über das Grauen oder gar die Tatsache der Tat erheben, ohne sich mit der tat-sächlichen Ohnmacht des Opfers in all ihren Erscheinungsformen, dem eigenen Täterpotential, der eigenen Inkompetenz und! auch der eigenen Hilflosigkeit -unangenehm direkt – konfrontieren zu müssen… eine herrlich sichere Position.

Leider muss man dafür aber das Opfer gedanklich auf der vermeindlichen Schwäche mit all ihren Attributen festnageln und entmündigen damit die Rollenverteilung in diesem sog. Dramadreieck auch stabil funktioniert, nach „Beweisen“ suchen und „hinterfragen“…

Die Vorstellung, daß ein Opfer Macht erlangen könnte, ist für viele eine extrem bedrohliche Vorstellung, und es ist dabei viel weniger die Angst vor einem Mißbrauch dieser Macht, als vielmehr der Verlust des Privilegs der Überlegenheit ansich- der Erfahrung von Ohn-macht.

Ein „Retter“ der „schwächer“ und (NATÜRLICH!) viel inkompetenter in der Sache als das „Opfer“ ist- ist in einem solch hierarchisch geprägten Rollenmodell nämlich eine schlichtweg undenkbare Möglichkeit. Auch wenn es die Wahrheit ist. Das ist das beschränkte Mindset toxischer Männlichkeit, -welches im übrigen nicht nur Männer verinnerlicht haben.

Der Schutz-und Präventionsgedanke ist dabei oft nur vorgeschoben, um diese „starke“ Rolle mit ihren bequemen und sicheren Privilegien zu legitimieren, dabei ist es jedoch reiner Selbstzweck, dem das Wohlergehen des Opfers meist völlig selbstverständlich und unreflektiert untergeordnet wird. Von der Respektlosigkeit ganz zu Schweigen.

Und das ist das Klima, indem Opfer besser schweigen, das ist Rape Culture in der Ohnmacht und Gewalt in ihren vielen Erscheinungsformen verleugnet oder zumindest regelmäßig kleingeredet, angezweifelt, und sogar legitimiert wird.
Ein Klima, indem der Grund für die Tat fast ausschließlich beim Opfer und über den die sog.“Opferolle“ diskutiert wird, und sexualisierte Gewalt verschleiernd mit Sexualität und (natürlich nur maskulin gedachtem)Frust gleichgesetzt und gerechtfertigt wird. Dabei geht es dabei den Tätern wie den „Rettern“ oftmals ganz gezielt in erster Linie um direkte oder indirekte Machtausübung und Machterhalt, bzw. der Vermeidung/Kompensation von Ohnmachts-erleben, nicht um Sex oder gar „Liebe“.

Ohnmacht ist das unaushaltbarste Gefühl, das ein Mensch -JEDER Mensch, erleben und miterleben kann. Ein potentiell tödliches Gefühl, das alles, woran wir gelernt haben zu glauben, in Frage zu stellen vermag… Es ist natürlich, und menschlich, das vermeiden zu wollen, aber und grade wenn man irrtümlich meint, nicht betroffen zu sein, kann es nötig sein, das eigene, hierarchisch geprägte Rollenverständnis vor allem! an jenen Stellen, wo es einen selbst Schutz gewährt, selbstkritisch zu hinterfragen. Und das wird u.U. sehr schmerzhaft, verunsichernd und auch verlustreich. Mehr Mut zu echter Verletzlichkeit!

Schuld ist der mächtigste Gegenspieler zu Ohnmacht und Schmerz, wer Schuld hatte, war nicht Ohnmächtig, hätte Handlungsmöglichkeiten gehabt, die er eben nur nicht genutzt hat. Und wenn das bedeutet, daß man schuldig ist, zu “schwach”(gewesen) zu sein, um diese anwenden zu können. Und es findet sich fast IMMER etwas, das hätte anders laufen können und einen anderen Ausgang bedeutet hätte. Die meisten Opfer quälen sich lebenslang mit Schuldgefühlen und Scham, weil es das kleinere Übel ist, quasi der letzte Funken von vermeindlicher Kontrolle, an den man sich klammert.

Aber genau jene Schuldumkehr, sei es von Tätern oder aus dem Umfeld oder aus Selbstschutz!, ist es, was einen in solchen Situationen hält, Heilung verhindert und Betroffene Isoliert. Es ist schlichtweg erträglicher, sich schuldig/wirkfähig am Geschehen als tatsächlich ohnmächtig zu fühlen, und nicht jeder hat die Kraft, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, grade wenn er sich nachwievor in der Situation befindet, in der ihm täglich vom Täter und! dem Umfeld direkt und indirekt suggeriert wird schwach, wertlos und deswegen auch irgendwie selbst schuld zu sein.

Und ja, viele Betroffene werden mehrfach als Opfer ausgesucht, soziale Isolation ist z.B. einer der größten Risikofaktoren, um in das Beuteschema eines Täters zu fallen, ein taffes Auftreten kann aber ebenfalls einen Täter provozieren usw. es kann jeden Treffen, wenn ein Scheisskerl dir deine Seele filetieren will, wird er das tun.

Die Schuld des Täters ändert das in keinster Weise, ein Übergriff ist ein Übergriff und bleibt ein Übergriff, denn es ist immer! und jedes mal seine alleinige Entscheidung.

Entscheidend um das zu durchbrechen ist dann oftmals das soziale Umfeld, das es ermöglicht, das Gefühl der Ohnmacht überhaupt erst anzuerkennen und ertragen zu können und dadurch erst ist es möglich, Stück für Stück von der Schuld los lassen zu können und zu heilen und um all das, was einem genommen wurde, zu trauern. Wer ohnmächtig war, hat nicht versagt!. Verdrängen heilt garnichts, im Gegenteil! Zusammenreissen und „positiv Denken“, „einfach weitermachen“ ist toxischer Bullshit, denn es sind nicht die „negativen Gedanken“, die einen Krank machten, es war die Tat eines anderen, an der man nichts mehr ändern kann.

Man muss diese Taten -und die vielen Ohnmachten (auch die, stigmatisiert zu werden)- erst wirklich in ihrer Tragweite erfassen, um sie irgendwann nach dem eigenen Ermessen loslassen zu können, sonst hören sie vielleicht nie auf, einen zu vergiften. Erst wenn man akzeptieren kann, kann man das verarbeiten. Ich kenne soviele, die nicht aufhören können sich zu Tode zu kämpfen, die nie aus diesem Kampf-Modus herausfinden, deren Krieg nie endet, und leider auch zuviele, die ihren Frieden im Leben nicht mehr fanden.

(Jede(r)hat seinen eigenen, zu respektierenden Weg, und dies soll keine zwingende „Anleitung“ sein, manche Dinge haben guten Grund zu ruhen, und auch das ist völlig OK.! ❤ )

Es braucht dazu in jedem Fall respektvolle Verbündete auf Augenhöhe, keine überheblichen „Retter“, die einen erst “kleiner”, hilfloser und inkompetenter als sich selbst machen müssen, damit sie sich groß und sicher genug fühlen, um sich einem Thema stellen zu können, daß eigentlich jeden betrifft.

#onebillionrising #ptbs #überlebende #punktoo #toxicpositivity #toxischemännlichkeit

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